Der magische Spiegel

Wir haben uns in "Kunst und Zeichnen" mit dem Thema Surrealismus beschäftigt. Im Zuge dessen sollten wir einen surrealistischen Bildraum gestalten. Wir haben die Kopie eines Bogenganges bekommen und sollten Figuren und Gegenstände (in surrealistischer Weise) aufkleben, so dass möglichst eine surrealistische Gesamtwirkung entsteht.

Meike Ingendahl, 10a

 

Die zehnjährige hochbegabte Tänzerin Emily geht auf ein Ballettinternat in der Schweiz. Sie tanzt, seitdem sie 3 Jahre alt ist.

Eines Nachts nach einem ereignisreichen Schultag träumte ich:

Ich stand ganz alleine im Ballettsaal meiner Schule vor dem Spiegel. Ich trug ein wunderschönes Tutu aus rosa Seide, das mit Diamanten besetzt war. Ich drehte mich im Kreis, um mich besser betrachten zu können. Als ich wieder ruhig vor dem Spiegel stand, traute ich meinen Augen nicht. Vor mir im Spiegel sah ich nicht mehr mich selbst, sondern eine völlig andere Welt. Eine Art Standbild. Ich sah direkt vor mir einen riesigen Löwen, auf dessen Rücken ein Specht  saß. Der Löwe stand mit den Vorderpfoten auf einem Stein. Links des Löwen wuchs unglaublicher weise ein Baum hinter einer Säule hervor. Auf einem Podest an dieser Säule stand ein Affe wie versteinert. Über dem Affen schien ein riesiger Falter vor der Wand zu schweben. An der großen  Gewölbedecke des Ganges schwebte ein kleiner Heißluftballon. Rechts des Heißluftballons war eine Fledermaus im Flug zu sehen. Auf einer der Säulen darunter saß eine kleine Ratte. Hinter dem Löwen stand ein barocker Spiegel an einer der hinteren Säulen. An der rechten vorderen Säule hing eine große Fledermaus. Darunter standen links und rechts hinter der Säule ein kleines Kamel und ein kleines Nilpferd. Am Ende dieses Ganges führte eine Treppe in einen Innenhof. Direkt auf der obersten Stufe stand ein kleiner Baum. Weiter hinten war ein weiterer Durchgang, von dem man allerdings nicht erkennen konnte, wo er hinführte. Außerdem fuhr ein Mann mit einem Fahrrad durch die Luft. Beim genaueren Betrachten merkte ich, dass es mein Vater war.

Traum von Emily


Ich trat näher an den Spiegel heran und plötzlich kam Wind auf und ich wurde von hinten in den Spiegel gestoßen. Zuerst schrie ich, weil ich dachte, der Spiegel würde zerbrechen, wenn ich hineinfalle, doch tatsächlich tauchte ich durch den Spiegel hindurch, mitten vor den großen Löwen.

Als ich aufsah, hatte sich das Bild von eben geändert. Alles bewegte sich plötzlich. Die kleine Fledermaus begann zu fliegen, der Falter ebenfalls. Der Affe und die Ratte liefen hektisch hin und her. Das Kamel und das Nilpferd verschwanden zu meiner Überraschung in der Säule. Und mein Vater flog winkend über meinen Kopf hinweg.

Ich erschreckte mich fürchterlich, als der Löwe anfing zu sprechen: „ Erschreck dich nicht, mein Kind.“ sagte er freundlich. „ Wer bist du?“ fragte ich. Der Löwe lachte tief und herzlich, antwortete jedoch nicht selbst: „Das ist König Leonius, Herrscher von Harbin.“ „Danke Punai, ich denke, ich kann für mich selbst sprechen.“ „Natürlich, Leonius, wie du willst.“ sagte der Specht leicht eingeschnappt und flog davon. „Wo bin ich hier?“ fragte ich ängstlich. Leonius lächelte: „In deinem zweiten Heimatland, in Harbin.“ „ Mein zweites Heimatland? Was macht mein Vater hier?“ „Emily, liebes, er ist mein Bruder. Das bedeutet, du bist meine Nichte und somit die Prinzessin von Harbin.“ „Aber ich habe keinen Onkel“, sagte ich misstrauisch. „Nicht in eurer Welt, doch in dieser schon.“ „Und warum war ich vorher noch nicht hier?“ „Weil du erst mit deinem zehnten Lebensjahr anfängst, diese Art von Träumen zu träumen. Du bist doch gestern zehn geworden, oder? Ab jetzt wirst du, immer wenn du träumst, in dieser Welt leben, und mit achtzehn kannst du selbst entscheiden, in welcher Welt du leben möchtest. Entscheidest du dich für deine Welt, werden die Träume aufhören und du wirst mich und Harbin für immer vergessen. Entscheidest du dich für dein Königreich, wirst du mit mir zusammen regieren. Deine Familie wird dann mit dir kommen und es wird für dich sein, als hättest du nie irgendwo anders als hier in Harbin gelebt. Möchtest du noch irgendetwas wissen, Emily?“ „Ja, möchte ich, Leonius. Wie ist es hier? Können alle Tiere sprechen?“ „Ja, alle Tiere in Harbin können sprechen, weil sie früher in deiner Welt als Menschen gelebt haben. Deshalb gibt es Schulen und Arbeitsplätze wie bei euch auch. Es gibt auch regelmäßige Ballettaufführungen in der hiesigen Oper. Und ich möchte, dass du, während du hier lebst, dort tanzt. Das war doch schon immer dein großer Traum, oder?“ „Oh ja, das wäre einfach toll, Onkel Leonius, ich tanze dir gleich mal etwas vor, okay?“ „ Ja, mach das ruhig, Emily.“ Und ich tanzte so gut, wie es keine andere Ballerina der Welt konnte. Ich drehte mich und drehte mich bis ich nicht mehr konnte und plötzlich wachte ich auf.

Und so träumte Emily acht Jahre lang von ihrem Königreich. Sie tanzte und die Zuschauer lagen ihr zu Füßen, sowohl in ihrer Welt, als auch in ihrem Königreich Harbin. Mittlerweile hatte Emily einen festen Freund namens Marcus. Er war ebenfalls Tänzer an ihrem Internat.

In der Nacht ihres achtzehnten Geburtstages musste sie die Entscheidung treffen: Wollte sie eine Prinzessin sein oder ein normales Mädchen? Marcus wusste von Harbin und ihrem Onkel, weil jeder, der mit Emily in einem Bett schlief, automatisch mit nach Harbin reiste.

 

Der Traum geht weiter


„Und, Emily, hast du dich entschieden?“ „Ja, habe ich, Onkel Leonius, ich bleibe hier, für immer, aber nur unter einer Bedingung: Ich möchte, dass Marcus auch hier bleibt.“ Leonius antwortete: „Ist dir klar, Marcus, dass du erst mal nie wieder zurück kannst? Deine Freunde werden dich vergessen und du wirst sie vergessen. Es wird sein, als hättest du nie irgendwo anders als hier gelebt. Deine Eltern kannst du selbstverständlich mitnehmen. „Ja, Leonius, das ist mir klar. Ich liebe Emily und ich will mit ihr zusammen sein, für immer. Auch wenn ich dafür alles hinter mir lassen muss.“ „Gut, so sei es.“ sagte Leonius. Ich werde jetzt eine magische Formel sprechen, die euch und eure Eltern an Harbin bindet, bis an euer Lebensende. Ihr werdet euch jedoch nicht komplett in Tiere verwandeln. Ihr werdet die Fähigkeit besitzen zwischen eurer menschlichen  und tierischen Gestalt hin und her zu wechseln. Nach eurem Tod in dieser Welt werdet ihr in eurer alten Welt als normale Menschen wiedergeboren.“

Seid ihr bereit?“ „Ja das sind wir!“ sagten wir im Chor und Leonius sprach die magische Formel: „Bismi allah rahman i rahim, mutabor!“

Emily und Marcus heirateten und regierten Harbin nach Leonius Tod zusammen bis an ihr Lebensende.

Weitere Exponate aus der gleichen Schaffensperiode des Kurses:

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